PUTHJA E UDHEHEQESIT

by

42 min read
Rate this book:
177 pages 2003

About This Book

Drei Ausschnitte aus dem Roman von J.Godole:

Der Kuss des Führers


(Der Kuss aus dem 1. Teil des Romans)

[...]„Der Führer kommt! Unser Gott!“ murmelte „Weisheit“ und blieb wie angewurzelt neben uns stehen. Während der erste Parteisekretär der Stadt die Leistungen der Onkesmoner vor dem Führer aufzählte, biss sie sich erwartungsvoll auf die Lippen und schluchzte laut, als der Onkel aller Kinder schließlich selbst zu sprechen begann. Mit ihren Tränen steckte sie sogar die benachbarten Leute an. Führers Rede wurde oft von Beifällen und Segenswünschen unterbrochen. Seine Stimme war mir nah und entfernt zugleich, da ich vieles nicht verstand. Wann würde ich den Onkel einmal sehen? War er auch ein Seemann wie Kosta? Da er für viele so besonders war, sollte er ein Mädchen und auch einen Sohn haben... Schließlich langweilte ich mich und wünschte mir, zu Hause oder am Strand zu sein, als jemand am Mikrophon ein Konzert zu Ehren des Führers ankündigte.
„Gehen wir?“ bat ich Flora, aber die Nachbarin schob mir ein Karamellbonbon in den Mund.
„Ist er nicht attraktiver als alle anderen Männer?“ fragte sie meine Mutter, die nur mit den Achseln zuckte. „Nach dem Konzert kommt er gewöhnlich herunter und schüttelt den Leuten die Hände. Ich sterbe, wenn ich seine Hand heute nicht berühre!“
Mir blieb nichts übrig, als dazubleiben. Die Volksmusik und der Tanz waren zu Ende, als der Führer wirklich die Stufen an der Seite der Tribüne herunterstieg. Unsere Mitbewohnerin riss Flora fast den Ärmel ab, um mit ihr in die erste Reihe zu gelangen. „Lebt so lange wie unsere Berge!“ rief sie und ich dachte mir, der Onkel sei ganz nah gekommen.
„Wie heißt denn diese kleine hübsche Schwarzhaarige?“ fragte eine warme Stimme. Floras Körper wurde steif, dann forderte sie mich auf, meinen Namen laut zu sagen.
„Ionia, wie das Ionische Meer!„
Ich spürte eine Beklommenheit in meinem Bauch, die noch stärker wurde, als der unbekannte Mann mich hochnahm und dem Photografen befahl, ein Photo von uns beiden zu machen. Sein Griff war ungeschickt und als er mich an sich drückte, kam es mir vor, als hätte er ein eisernes Hemd unter dem Anzug. ‚Das macht ihn vielleicht so besonders’, dachte ich, während „Weisheits Stimme ertönte: „Leider kann sie Euch, Führer und Sonne unserer Herzen, nicht sehen!“
„Schade! Ein Soldat weniger für das Land!“ seufzte ein Mann in unserer Nähe.
„Die Partei wird ihr die Augen öffnen!“ sagte der Führer, gab mir einen Kuss auf die Wange und schüttelte Flora die Hand, bevor er mich zurückreichte. Es war mir noch nicht bewusst, was es bedeutete, vom Führer meines Landes geküsst worden zu sein, doch das änderte sich rasch. Den ganzen Weg nach Hause berührte „Weisheit“ mein Gesicht und roch mehrmals an mir, um den Duft des Führers zu erkennen. „Sie ist ein Glückskind!“ erzählte sie allen Nachbarn, die mir die Wangen wund küssten. Am nächsten Morgen wachte ich mit Fieber auf.
„Als hätte sie der Teufel geküsst und nicht der Beste aller Besten. Das verstehe ich nicht!“ jammerte sie dann, aber ich wurde schnell wieder gesund.
Nach Führers Besuch erschien das Photo von mir auf seinem Arm in Stimme des Volkes und diejenigen, die einen Fernseher hatten, sagten, ich wäre sogar auf den Bildschirm gekommen. Als ich zum ersten Mal in den Kindergarten ging, ließ die Erzieherin nicht locker, bis sie ein Exemplar des Photos aus der Zeitung bekam, um es an die Tafel mit den Bildern der Kinder zu hängen, die eine Auszeichnung bekommen hatten. Dort lernte ich viele Gedichte und Lieder über den Onkel und wünschte mir, ihn bald mit eigenen Augen sehen zu können.
...


("Toni Montana" aus dem 3. Teil des Romans)


[...] Der Kellner einer Bar, in die ich gerne und häufig ging, benachrichtigte mich, dass er für mich ein Interview mit einem bekannten Profikriminellen vereinbart habe. Zufrieden, dass die Schlagzeilen des nächsten Tages mir gehören würden, ging ich zu dem Treffpunkt, ein kleines Café in einem wenig belebten Viertel, und wartete neugierig, den gefährlichen Typen zu sehen.
„Er ist mein Cousin!“ sagte mein Begleiter, als eine große Gestalt auf uns zu kam und ich starrte ihn an, als hätte ich einen Außerirdischen vor mir. Der Cousin war Toni Montana und sobald er neben uns saß, holte er sein gezacktes Messer aus dem Hosengürtel und ließ es auf dem Tisch. „Was für eine nette Überraschung!“ sagte er und klopfte seinem Cousin auf die Schultern.
„Ich habe nicht so viel Zeit. Wollen wir anfangen?“ Ich zitterte innerlich vor Angst und musste mir Mühe geben, ruhig zu wirken. Seit dem letzten Mal waren seine Augen noch tiefer in die Höhlen gewandert und seine vorderen Zähne noch schwärzer geworden.
„Willst du mich nicht aufnehmen?“
„Wenn du willst, warum nicht.“
Ich holte mein Diktiergerät aus der Tasche und drückte die Aufnahmetaste. „Wann warst du zum letzten Mal im Gefängnis?“
„Heute Morgen bin ich nur für dich rausgekommen...
Ich dachte ‚Mann hast du Glück, so eine Frau zu treffen’. Sind wir uns nicht einmal begegnet?“
Ich zögerte.
„Jemand hat mich am Ohr gezogen, da ich dich mit meinen Freunden erschreckt hatte. Verstehst du, was das bedeutet?“ Er näherte sein Gesicht an meines und ich neigte den Kopf nach hinten, um seinen Zwiebelgeruch so entfernt wie möglich zu halten. Nein, ich konnte nicht länger dableiben. Ich stand auf und forderte meinen Bekannten auf, mich zurück in die Redaktion zu fahren. Als ich auf dem vorderen Sitz Platz nahm, hörte ich die Stimme von Toni Montana, der hastig hinter uns herlief: „Weißt du, warum ich das Messer nicht wasche?“
„Fahr, bitte, sofort! Und mache mich nie mehr mit deinen Cousins bekannt!“ sagte ich wütend zu dem Fahrer und als er den Motor anließ, seufzte ich erleichtert. Auf einmal schlug die hintere Tür zu und der Zwiebelgeruch flüsterte in mein Ohr: „Weil ich es täglich benutze...“
„Was soll das? Sag ihm, er soll sofort aussteigen!“
Mein Bekannter öffnete seine Tür und sprang heraus, ich versuchte es, aber meine war verriegelt. Im Handumdrehen sprang der Profikiller neben mich ans Steuer und das Auto fuhr nur mit uns beiden fort. Ich war reingelegt worden.
Nur jetzt begriff ich, wie naiv ich gewesen war. Das Auto fuhr durch unbekannte Strassen weit entfernt vom Zentrum. Alle Bitten, mich rauszulassen, waren erfolglos, bis ich den Mund schloss und mir überlegte wie ich aus der Situation wieder herauskäme. ‚Du hast diese Suppe selbst gekocht, dann musst du sie auch allein essen!’ schimpfte ich mit mir unter Tränen. „Ich bin Journalistin und du wirst es bereuen, mir etwas anzutun!“
„Ach ja!“ Mit einer Hand packte er meine Tasche, holte das Diktiergerät heraus, dann die Kassette und zerbiss sie zwischen den Zähnen. Nach einer halben Stunde Fahrt hielt das Auto hinter einem Bauernhof, wo keine lebendige Seele zu sehen war. Er öffnete sein Fenster und pfiff dreimal, bis ein paar Jungs um eine Ecke herumkamen.
„Zieh dich aus!“ befahl er und stieß mich auf die hintere Sitzbank, während er seinen Hosengürtel öffnete.
„Moment mal! Was soll das? Was habe ich dir angetan? Und was wollen die anderen?“ Meine Lippen zitterten und mein Herz schlug heftig. Wo waren die Versprechungen meiner Schutzengel, dass ich keine Probleme mehr haben würde? Ich erinnerte mich an Emiras Vergewaltigung und bereute, dass ich mir die Frage gestellt hatte, wann ich an der Reihe wäre.
„Lieber sterbe ich, als es mit dir zu tun!“ versuchte ich Zeit zu gewinnen, während die Jungs immer näher kamen. Ich zählte sieben, lauter ungewaschene Bestien, mit verfilzten Haaren und unrasiert.
„Entweder mit mir und mit Lust, oder mit den anderen dazu?!“
„Gut, mit dir! Sag denen bitte, sie sollen gehen. Ich schäme mich, vor so vielen Männern die Beine zu öffnen. Und damit ich auch Lust habe, solltest du zärtlich und voller Gefühle sein. OK?“ Ich hatte wenig Hoffnung, dass mein Plan funktionieren würde, aber ich wollte es wenigstens versuchen.
„Verarschst du mich, oder was? Ich wollte dich nach dieser Sache freilassen und du willst mich veräppeln.“ Seine Augen waren bösartig, er steckte die Hand unter meine Bluse und griff mir heftig an den Busen. Dann gab er seinen Freunden ein Zeichen und sie verschwanden gleich.
„Leben deine Eltern noch?“
„Ich bin kein Psychopath. Warum kommt der nicht hoch? Verdammte Scheiße! Es ist alles deine Schuld!“ Seine heiße Ohrfeige funkelte auf meiner linken Wange.
„Küss mich! Auf die Lippen! Leidenschaftlich!“
Ich hielt meine Hosen fest, die er zu öffnen versuchte. Und als er Anstalten machte, seine Helfer wieder zu rufen, küsste ich seinen stinkenden Mund. Auf einmal milderte sich sein Blick. Er nahm mein Gesicht zwischen seine Hände und küsste mich auf die Lippen.
Ich bemühte mich, weder Ekel noch Angst zu zeigen. „Weißt du? Du hast mir schon an dem Abend mit dem Auto gefallen. Deine Stimme, dein Mut, dein Messer...“
„Ich schenke es dir, wenn du willst.“
...


(Aus dem Epilog)


[...] Der Tunnel war eine der wertvollsten Konstruktionen, die er für sich hatte bauen lassen. Er schloss die Tür hinter sich und wartete ein paar Sekunden ohne einen Mucks von sich zu geben. Nur sein Atmen wurde manchmal heftiger.
Vor der Tür des Staatskontrollgebäudes wischte er sich noch mal den Schweiß und schaute auf die Uhr. Früher hatte er den gleichen Weg drei Minuten schneller gemacht. ‚Es sollte nur der Sicherheitssoldat auf der andere Seite des Gebäudes sein’ murmelte er und trat ein. Jemand hatte das Licht angelassen und der Raum sah mit der Beleuchtung und dem rot-schwarzen Teppich, auf den zwei Adler gestickt waren, größer aus, als er ihn in Erinnerung hatte. An der Wand hing sein Porträt, mit weißem sommerlichem Anzug und dem fein geschnittenen Borsalino. In den Regalen und auf dem Tisch standen überall kleine Büsten aus Gips von ihm und den Koryphäen des Kommunismus, die alle nachdenklich blickten.
Als erstes kam der Chef des Sauberkeitskomitees, der sich bestimmt in Eile angezogen hatte, denn sein Hosenlatz stand offen.
„Mach deinen Laden zu, sonst kommt der Staat und schließt ihn für immer!“ spottete der Führer. Der Ausbilder der Spione blieb wie vom Blitz getroffen stehen, als er dem Blick seines Führers begegnete, dann kehrte er höflich den Rücken, brachte seine Hosen in Ordnung und nahm seinen gewöhnlichen Platz wie ein nasses Huhn ein. Der Führer rieb die Handflächen aneinander, steckte dann die Finger einer Hand zwischen die der anderen und streckte die Arme mit den zusammengeflochtenen Händen nach vorne. In einem der kleinen Fensterchen, das die gekreuzten Finger frei ließen, sah er die Mitglieder des Zentralkomitees hereinkommen.
„So will ich euch sehen, klein und zerteilt“ dachte er und ein makabres Lächeln verbreitete sich in seinem Gesicht.
Inzwischen hatten alle Genossinnen und Genossen an dem Tisch in Form einer Pyramide Platz genommen und die Versammlung konnte beginnen.
„Es ist vielleicht spät, aber ich wollte mit euch über ein paar wichtige Dinge sprechen. Bevor ich anfange, möchte ich gerne hören, was das Sauberkeitskomitee uns zu berichten hat.“ Der Mann mit dem geöffneten Laden, der sich von dem vorherigen Witz des Führers noch nicht erholt hatte, fing an, stotternd zu sprechen: „Ei..gentlich, haben meine Leu...te seit zwei Tagen viele kompromittierende Daten in Bezug auf manche hochgefeierten Künstler gesammelt, wie Sie es uns befohlen hatten. Wenn wir einen Fehler gemacht haben, dann erwarten wir dankbar Ihre Kritik...“
„Du musst nur ein bisschen strenger sein. Ich habe gehört, dass deine Leute bei der Verhaftung von I. Katari ihn zweimal gebeten haben, aus dem Haus zu kommen. Jeder von uns weiß, wie gefährlich dieser Hund ist und wie viele reaktionäre Elemente er zur Zeit in unsere Kulturszene gebracht hat. Ich habe ihn ins Ausland zum Studieren geschickt und er hat sich auch gut verhalten, bis in den letzten zwei Jahren, wo seine Dramen und Komödien unsere Regierung und besonders mich lächerlich darstellten. Außerdem hat er auch viele andere Künstler infiziert, wie Martin H. oder Besnik F. die aus sehr guten Familien kommen. Deswegen habe ich mich entschieden, ihm eine gute Lektion zu erteilen. AUFHÄNGEN! Wer ist einverstanden?“
Alle Hände hoben sich, auch die des Vorsitzenden des Kunst- und Schriftstellerverbandes, der mit dem Angeklagten jeden Tag Kaffee trank. „Sehr gut!“ klatschte der Führer und die anderen folgten ihm.
Genau vor zwei Jahren hatte er selbst I. Katarit den Auftrag gegeben, eine neue Strömung in Kunst, Musik und Kultur des Landes zu bringen, da er als ein unsensibler Führer kritisiert worden war.
„Um uns ein bisschen zu entspannen, gehen wir zu einem anderen Problem über. Es geht um die siebzigtausend Pinzetten für unsere Frauen, die das Nachbarland zu geben versprochen hatte...“


Fortsetzung folgt

Buy This Book

As an Amazon Associate and Bookshop.org affiliate, BookOrb earns from qualifying purchases.

Write a Review

Sign in to write a review.